Strategische-Steuerung

Strategische Steuerung

Das Marketing berichtet über steigende Reichweite. Der Vertrieb sieht davon wenig in seiner Auftragspipeline. Gleichzeitig fordert die Geschäftsführung einen verlässlichen Beitrag zum Wachstum, während mehrere Teams zusätzliche Mittel für ihre Kanäle beantragen. Alle arbeiten an demselben Unternehmensziel. Trotzdem fehlt eine gemeinsame Antwort darauf, welche Aktivitäten wirtschaftlich etwas bewirken.

In dieser Situation hilft ein weiterer Maßnahmenplan allein kaum weiter. Zuerst muss geklärt werden, ob das Unternehmen seine Ausgangslage richtig versteht, welche Veränderung es erreichen will und wie die einzelnen Entscheidungen zusammenhängen. Genau dafür kann SOSTAC eine nützliche Struktur bieten. Das Modell verbindet sechs Fragen: Wo stehen wir? Was wollen wir erreichen? Welchen Weg wählen wir? Welche Maßnahmen setzen wir ein? Wer führt sie aus? Und woran erkennen wir, ob sie wirken?

 

Für die Geschäftsführung liegt der Wert des Modells nicht in der Vollständigkeit eines Marketingdokuments. Er liegt darin, Annahmen, Prioritäten und Verantwortlichkeiten überprüfbar zu machen. Eine solche Struktur kann verhindern, dass ein Unternehmen digitale Aktivität mit geschäftlichem Fortschritt verwechselt.

Wenn jede Abteilung eine andere Ausgangslage sieht

Am Anfang steht die Analyse der aktuellen Situation. Das klingt selbstverständlich, ist in größeren Unternehmen aber häufig bereits eine Führungsaufgabe. Marketing, Vertrieb, Produktentwicklung und Kundenservice betrachten dieselben Kunden aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Jeder Bereich verfügt über einen Teil der Informationen und erklärt die Ergebnisse mit eigenen Kennzahlen.

 

So kann das Marketing eine hohe Zahl qualifizierter Anfragen melden, während der Vertrieb viele dieser Kontakte für wenig aussichtsreich hält. Das Problem könnte in der Zielgruppe liegen. Es könnte ebenso durch unklare Kriterien für eine qualifizierte Anfrage, lange Reaktionszeiten oder ein Angebot entstehen, das Erwartungen aus der Werbung nicht erfüllt. Wer vorschnell einen Kanal verantwortlich macht, investiert möglicherweise an der falschen Stelle.

 

Eine belastbare Situationsanalyse fragt deshalb nach Zusammenhängen. Welche Kunden sind für das Unternehmen wirtschaftlich besonders wertvoll? Über welche Wege kommen sie? An welchem Punkt verlieren sie Interesse oder Vertrauen? Wie entwickeln sich Aufwand, Abschlusswahrscheinlichkeit und Kundenwert über die gesamte Beziehung? Und welche Annahmen über den Markt beruhen auf Beobachtungen, welche lediglich auf Gewohnheit?

 

Die Analyse muss nicht jedes verfügbare Datum auswerten. Sie muss die Unsicherheiten sichtbar machen, die eine Entscheidung verändern können. Wenn etwa unklar ist, warum eine Kundengruppe trotz hoher Nachfrage selten kauft, sind weitere Reichweitendaten zunächst von begrenztem Nutzen. Die entscheidende Information liegt näher am Kaufprozess.

Ziele müssen eine wirtschaftliche Entscheidung ermöglichen

Die zweite Frage des Modells betrifft die Ziele. Hier entsteht leicht eine Liste wünschenswerter Entwicklungen: mehr Sichtbarkeit, mehr Kontakte, mehr Verkäufe und stärkere Kundenbindung. Solange nicht geklärt ist, welche dieser Entwicklungen Vorrang hat, können Teams mit derselben Zielvorgabe gegensätzliche Entscheidungen treffen.

 

Mehr Anfragen sind beispielsweise kein hinreichendes Ziel, wenn ihre Bearbeitung Kapazität bindet und kaum profitable Aufträge hervorbringt. Ein höherer Onlineumsatz kann ebenfalls wenig helfen, wenn Preisnachlässe und Betreuungskosten den zusätzlichen Ertrag aufzehren. Für die Geschäftsführung ist daher wichtig, welches geschäftliche Ergebnis verbessert werden soll und welchen Beitrag digitale Aktivitäten dazu leisten können.

 

Ein brauchbares Ziel benennt eine konkrete Veränderung, einen Zeitraum und eine Messgröße. Es beschreibt außerdem die Bedingungen, unter denen die Veränderung als Erfolg gilt. Soll die Zahl neuer Kunden steigen, ohne dass die Kosten je gewonnenem Kunden außer Kontrolle geraten? Soll der Umsatz mit bestehenden Kunden wachsen, während deren Zufriedenheit erhalten bleibt? Solche Ergänzungen begrenzen Fehlanreize.

 

Ziele sollten zudem zu den Fähigkeiten des Unternehmens passen. Wer mehr Nachfrage erzeugt, als Vertrieb oder Leistungserbringung zuverlässig bewältigen können, schafft kein stabiles Wachstum. Die Zielsetzung ist deshalb nicht nur eine Frage des Marketings. Sie verlangt eine Abstimmung darüber, was das Unternehmen verkaufen, liefern und langfristig betreuen kann.

Strategie entscheidet, worauf das Unternehmen verzichtet

Mit der Strategie beantwortet ein Unternehmen, wie es seine Ziele erreichen will. Diese Entscheidung wird oft übersprungen. Auf ein Wachstumsziel folgt dann unmittelbar eine Sammlung von Maßnahmen: Suchmaschinenoptimierung, Anzeigen, Inhalte, E Mail Kommunikation oder Aktivitäten in sozialen Medien. Keines dieser Mittel erklärt für sich, weshalb die gewünschten Kunden kaufen sollten.

 

Eine Strategie legt fest, auf welche Kundengruppen sich das Unternehmen konzentriert, welchen Wert es ihnen bietet und wodurch es gegenüber anderen Anbietern eine relevante Wahl wird. Sie beschreibt auch, welche Rolle Marketing, Vertrieb und Kundenbetreuung auf dem Weg zur Entscheidung übernehmen. Erst daraus ergibt sich, welche Kanäle und Maßnahmen sinnvoll sind.

 

Angenommen, ein Anbieter komplexer Leistungen möchte bei mittelständischen Unternehmen wachsen. Eine mögliche Strategie wäre, Entscheider bereits während der Problemklärung mit fachlich belastbaren Informationen zu erreichen und anschließend den Übergang in ein Beratungsgespräch zu verbessern. Daraus folgen andere Maßnahmen als aus dem Versuch, möglichst viele sofortige Anfragen über preisorientierte Werbung zu gewinnen. Beide Wege könnten Umsatz erzeugen. Sie verlangen jedoch unterschiedliche Ressourcen und ziehen möglicherweise andere Kunden an.

 

Strategie bedeutet deshalb auch Verzicht. Wenn nahezu jede Zielgruppe, jeder Kanal und jede Botschaft als gleich wichtig gilt, verteilt sich das Budget, während die Organisation keine klare Richtung erkennt. Die Geschäftsführung muss beurteilen, wo das Unternehmen einen glaubwürdigen Vorteil besitzt und welche Chancen es bewusst später verfolgt.

Taktiken dürfen die Strategie nicht ersetzen

Erst nach dieser Entscheidung folgt die Auswahl der Taktiken. Dazu können Inhalte, Suchmaschinen, bezahlte Werbung, Veranstaltungen, direkte Ansprache oder Veränderungen am digitalen Kaufprozess gehören. Entscheidend ist nicht, ob ein Instrument derzeit verbreitet ist. Entscheidend ist, welche Aufgabe es für die gewählte Kundengruppe erfüllt.

 

Ein Kanal kann Aufmerksamkeit schaffen, aber wenig zur Prüfung eines Anbieters beitragen. Ein anderer erreicht nur wenige Personen, dafür genau jene, die an einer Beschaffung beteiligt sind. Wieder ein anderer eignet sich vor allem dazu, bestehende Kunden zu informieren und ihre Nutzung einer Leistung zu verbessern. Eine sinnvolle Kanalentscheidung berücksichtigt diese unterschiedlichen Funktionen, statt alle Aktivitäten an derselben Reichweitenzahl zu messen.

 

Auch das Angebot selbst gehört in diese Prüfung. Wenn Kunden den Nutzen schwer erkennen, der Preis nicht zu ihrer Erwartung passt oder der nächste Schritt unnötig aufwendig ist, kann zusätzliche Werbung das grundlegende Problem kaum beheben. Das Modell ist dann besonders hilfreich, wenn die taktische Diskussion auf die vorherigen Fragen zurückgeführt wird: Welches Hindernis soll diese Maßnahme beseitigen, und warum sollte sie dafür geeignet sein?

 

Jede wesentliche Taktik braucht eine überprüfbare Annahme. Beispielsweise kann ein Unternehmen erwarten, dass klarere Informationen zu einer Leistung die Zahl passender Anfragen erhöhen. Bleibt dieser Effekt aus, muss es die Annahme prüfen. Mehr Inhalte zu produzieren wäre ohne diese Prüfung lediglich eine Ausweitung derselben Aktivität.

Umsetzung ist eine Frage der Zuständigkeit

Viele Pläne scheitern nicht an der Auswahl eines Kanals, sondern an den Übergängen zwischen Bereichen. Das Marketing gewinnt Kontakte, aber der Vertrieb bearbeitet sie nach anderen Prioritäten. Eine neue Botschaft wird veröffentlicht, während das Angebot im Verkaufsgespräch anders beschrieben wird. Erkenntnisse aus Beschwerden erreichen die Verantwortlichen für Produkt und Kommunikation zu spät.

 

Die Phase der Umsetzung verlangt deshalb mehr als einen Zeitplan. Es muss klar sein, wer Entscheidungen trifft, wer Ergebnisse liefert, welche Mittel verfügbar sind und welche Abhängigkeiten bestehen. Wenn eine Maßnahme Anpassungen im Vertrieb, im Service oder in der Technik voraussetzt, gehören diese Arbeiten von Beginn an zum Vorhaben.

 

Externe Partner können Aufgaben übernehmen. Die Verantwortung für Ziel, Priorität und Bewertung bleibt jedoch im Unternehmen. Ohne einen internen Verantwortlichen entstehen leicht Aktivitäten, die fachlich ordentlich ausgeführt werden, aber nur lose mit dem Geschäft verbunden sind.

 

Für die Geschäftsführung lohnt sich hier eine nüchterne Kapazitätsprüfung. Können die beteiligten Teams das Vorhaben zusätzlich zum Tagesgeschäft tragen? Welche andere Arbeit wird dafür zurückgestellt? Wenn mehrere Initiativen dieselben Personen und Entscheidungen benötigen, muss die Reihenfolge festgelegt werden. Ein Plan ist erst dann umsetzbar, wenn diese Engpässe berücksichtigt sind.

Kontrolle soll Entscheidungen verändern

Im letzten Schritt geht es um die Kontrolle der Ergebnisse. Digitale Kanäle liefern zahlreiche Zahlen, doch eine umfangreiche Berichterstattung schafft noch keine Steuerung. Seitenaufrufe, Klicks oder Reaktionen können Hinweise geben. Ob sie für die Geschäftsführung wichtig sind, hängt davon ab, ob sie eine begründete Verbindung zum angestrebten Ergebnis haben.

 

Eine wirksame Kontrolle betrachtet daher die ganze Wirkungskette. Erreicht das Unternehmen die beabsichtigten Kunden? Verstehen diese den Wert des Angebots? Entstehen passende Gespräche und Aufträge? Welcher Aufwand fällt dafür an? Und zeigen spätere Käufe oder die Dauer der Kundenbeziehung, dass der gewonnene Umsatz tragfähig ist?

 

Nicht jede Entwicklung lässt sich eindeutig einer einzelnen Maßnahme zuordnen. Gerade bei längeren Entscheidungsprozessen beeinflussen mehrere Kontakte, Erfahrungen und Personen den Abschluss. Statt eine Genauigkeit vorzutäuschen, die die Daten nicht hergeben, sollte das Unternehmen Muster prüfen und seine Unsicherheit offen benennen.

 

Kontrolle wird dann wertvoll, wenn sie Folgen hat. Welche Maßnahme wird fortgesetzt, angepasst oder beendet? Welche Beobachtung stellt die gewählte Zielgruppe oder Botschaft infrage? Wann müssen Ziele neu bewertet werden, weil sich Marktbedingungen verändert haben? Ohne solche Entscheidungen bleibt auch ein gut gestalteter Bericht rückwärtsgewandt.

Eine gemeinsame Logik für bessere Prioritäten

SOSTAC lässt sich als Abfolge von sechs Fragen lesen. Im Führungsalltag ist sein größerer Nutzen jedoch die Verbindung zwischen ihnen. Eine neue Maßnahme kann an der Situationsanalyse geprüft werden. Ein Ziel kann gegen vorhandene Kapazitäten gehalten werden. Ein enttäuschendes Ergebnis kann Anlass sein, die Umsetzung, die Strategie oder sogar die ursprüngliche Annahme über Kunden zu hinterfragen.

 

Dafür muss die Geschäftsführung keine umfangreiche Planung für jede einzelne Aktivität verlangen. Sie sollte bei wichtigen Investitionen auf wenige klare Antworten bestehen:

  1. Welches geschäftliche Problem soll gelöst werden?
  2. Welche Erkenntnisse über Kunden und Markt stützen die Entscheidung?
  3. Welches Ergebnis erwarten wir, und welche Nebenwirkungen müssen wir beobachten?
  4. Warum ist der gewählte Weg geeigneter als andere Verwendungsmöglichkeiten für Budget und Kapazität?
  5. Wer trägt die Verantwortung, und wann wird über Fortsetzung oder Änderung entschieden?

 

Das Modell garantiert weder eine richtige Strategie noch bessere Ergebnisse. Es macht aber Lücken in der Entscheidungslogik erkennbar. Wenn ein Unternehmen viele Maßnahmen beschreiben kann, jedoch deren Verbindung zu Kundenwert und wirtschaftlichem Ergebnis nicht, liegt das Problem wahrscheinlich vor der Umsetzung.

 

Eine Prüfung der laufenden Marketingplanung kann deshalb bei den Entscheidungen beginnen, die bereits Geld und Kapazität binden. Sind Ausgangslage, Ziel, gewählter Weg und erwartete Wirkung für jedes größere Vorhaben nachvollziehbar? Wo diese Verbindung fehlt, entsteht der erste Ansatzpunkt für eine wirksamere Steuerung.

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